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Rassismus behandelt Menschen als einer Gruppe zugehörig und unterstellt ihnen auf Grundlage dieser angenommenen Zugehörigkeit unveränderliche Merkmale und Charakterzüge. Anhand dieser Einteilung bewertet der Rassismus die Menschen und hierarchisiert Gruppen von Menschen. Rassistische Theorien und Argumentationsmuster dienen der Rechtfertigung von Diskriminierung und Feindseligkeiten, der Kanalisierung negativer Emotionen und fördern das Überlegenheitsgefühl von Mitgliedern einer Gruppe. Rassismus findet sich in Politik, im Alltag, wie auch in der wissenschaftlichen Tradition. Die konkreten Auswirkungen von Rassismus reichen von Vorurteilen und Diskriminierung über Sklaverei, Rassentrennung, Rassenhass und der daraus resultierenden Gewalt bis hin zu Pogromen, sog. „Ethnischen Säuberungen“ und Völkermord. Eine extreme Form des Rassismus stellte die industrielle Judenvernichtung in der Zeit des Nationalsozialismus dar. Der Begriff Rassismus entstand zu Beginn des 20. Jahrhunderts in der kritischen Auseinandersetzung mit auf Rassentheorien basierenden politischen Konzepten. In anthropologischen Theorien über den Zusammenhang von Kultur und rassischer Beschaffenheit wurde der biologische Begriff der „Rasse“ mit dem ethnisch-soziologischen Begriff „Volk“ vermengt. Ein Zusammenhang phänotypischer Merkmale mit charakterlichen oder intellektuellen Eigenschaften besitzt jedoch keine wissenschaftliche Grundlage.[1] AllgemeinRassismus, im strengen Sinne des Wortes, erklärt soziale Phänomene anhand pseudowissenschaftlicher Analogieschlüsse aus der Biologie. Als Reaktion auf die egalitären Universalitätsansprüche der Aufklärung versucht er eine scheinbar unantastbare Rechtfertigung sozialer Ungleichheit durch den Bezug auf naturwissenschaftliche Erkenntnisse. Kultur, sozialer Status, Begabung und Charakter, Verhalten, etc. gelten als durch die erbbiologische Ausstattung determiniert. Eine vermeintlich natur- oder gottgegebene, hierarchisch-autoritäre Herrschaftsordnung und die daraus gefolgerten Handlungszwänge dienen der Rechtfertigung von Diskriminierung, Ausgrenzung, Unterdrückung, Verfolgung oder Vernichtung von Individuen und Gruppen - sowohl auf individueller als auch auf institutioneller Ebene. Hautfarbe, Blut und Gene, aber auch Sprache, Religion oder Kultur stabilisieren die Abgrenzung zwischen den verschiedenen Gruppen und sollen die Vorrangstellung des Eigenen vor dem Fremden sichern. Der zivilisatorische Fortschritt der Moderne wird als dekadente, einer natürlichen Ungleichheit der Menschen widersprechende, Verfallsgeschichte interpretiert. [2] Die Wurzeln des Rassismus reichen zurück bis in die frühe Geschichte der Menschheit. Der Historiker Imanuel Geiss sieht in den historischen Grundlagen des indischen Kastenwesens die „älteste Form quasi-rassistischer Strukturen“ (Geiss, S. 49 f.).[3] Laut Geiss nahmen sie ihren Anfang spätestens mit der Eroberung Nordindiens durch die Arier gegen 1500 v.d.Z.; „Hellhäutige Eroberer pressten unterworfene Dunkelhäutige als »Sklaven« in die Apartheit einer Rassen-Kasten-Gesellschaft, die sich auf Dauer in der ursprünglichen Form nicht halten ließ, aber zur extremen Fragmentierung und Abschottung der Kasten als unübersteigbare Lebens-, Berufs-, Wohn-, Essens- und Ehegemeinschaften führte“ (ebenda).[3] Im antiken Griechenland wurden die Barbaren zwar nicht als «rassisch minderwertig», sondern "nur" als kulturell, bzw. zivilisatorisch Zurückgebliebene betrachtet,[4] aber auch hier sprechen einige Historiker von prototypischem - oder auch Proto-Rassismus. Der »moderne« Rassismus entstand im 14. und 15. Jahrhundert und wurde ursprünglich eher in religiöser als in naturwissenschaftlicher Diktion artikuliert (Fredrickson, S. 14).[5] Ab 1492, nach der Reconquista, der Rückeroberung Andalusiens durch die Spanier, wurden Juden und Muslime als «fremde Eindringlinge» oder schlicht als «marranos» (Schweine) verfolgt und aus Spanien vertrieben. Zwar existierte die formale Möglichkeit der (mehr oder weniger freiwilligen) Taufe, um Vertreibung oder Tod zu entrinnen, jedoch wurde angenommen, bzw. unterstellt, dass die «conversos» (konvertierte Juden) oder «moriscos» (konvertierte Mauren) weiterhin heimlich ihren Glauben ausübten,[6] wodurch den Konvertiten faktisch die Möglichkeit genommen wurde, vollwertige Mitglieder der Gesellschaft zu werden. Das "Jüdische" oder das "Islamische", aber auch das "Christliche", wurde zum inneren Wesen, zur «Essenz» des Menschen erklärt und die Religionszugehörigkeit so zur unüberwindlichen Schranke. Die Vorstellung, die Taufe oder Konversion reiche nicht, um den Makel zu tilgen, essentialisiert oder naturalisiert die Religion und gilt vielen Historikern daher als Geburt des modernen Rassismus. Die Vorstellung, ein Jude oder Moslem behielte auch dann sein jüdisches oder muslimisches «Wesen», wenn er seine Religion geändert hat -, es liege ihm gewissermaßen im Blute - ist im Kern rassistisch. „Die alte europäische Überzeugung, dass Kinder dasselbe «Blut» haben, wie ihre Eltern, war eher eine Metapher und ein Mythos als ein empirischer wissenschaftlicher Befund, aber sie sanktionierte eine Art genealogischem Determinismus, der in Rassismus umschlägt, wenn er auf ganze ethnische Gruppen angewandt wird“ (Fredrickson, S. 15).[5] Die „Estatutos de limpieza de sangre“ (Statuten von der «Reinheit des Blutes»), erstmalig niedergelegt 1449 vom späteren Großinquisitor Torquemada, gelten einigen Autoren als Vorwegnahme der Nürnberger Rassegesetze.[7] „Die spanische Doktrin von der Reinheit des Blutes war in dem Maße, wie sie tatsächlich durchgesetzt wurde, zweifellos eine rassistische Lehre. Sie führte zur Stigmatisierung einer ganzen ethnischen Gruppe aufgrund von Merkmalen, die - so die Behauptung - weder durch Bekehrung noch durch Assimilation zu beseitigen waren“ (Fredrickson, S. 38 f.).[5] Aus der christlichen Glaubensgemeinschaft, der eigentlich jeder angehört, der durch die Taufe zu einem Teil der Gemeinschaft geworden ist, war eine Abstammungsgemeinschaft, ein Rassenäquivalent, geworden – ein Vorgang, in dem sich fast 500 Jahre vor dem Nationalsozialismus das rassistische Ideologem vom «Volkskörper» mit den damit einhergehenden Vorstellungen, beispielsweise von der «Unreinheit des jüdischen Blutes», ankündigt. Dieser mittelalterliche Rassismus blieb jedoch zunächst eingebunden in den Zusammenhang mythischer und religiöser Vorstellungen, es fehlte der Bezug auf eine naturwissenschaftlich begründete Biologie. Erst als religiöse Gewissheiten in Frage gestellt, und die Trennung zwischen Körper und Seele zugunsten eines materialistisch-naturwissenschaftlichen Weltbildes aufgehoben wurden, waren die geistesgeschichtlichen Voraussetzungen für einen Rassismus neuzeitlicher Prägung gegeben.[8] „Der Rassismus konnte sich in dem Maße zu einer komplexen Bewusstseinsform entwickeln, wie sich rassistische Bewusstseinselemente aus den theologischen Bindungen des Mittelalters „emanzipieren“ konnten.“[9] Pseudowissenschaftliche Rassentheorien sind gewissermaßen ein „Abfallprodukt der Aufklärung“,[10] deren scheinbar naturwissenschaftliche Argumentation auch und gerade von großen Aufklärern rezipiert wurde. „Mit ihrem leidenschaftlichen, manchmal an Fanatismus grenzenden Bestreben, die Welt »logisch« zu ordnen, mit ihrer Manie, alles zu klassifizieren, haben die Philosophen und Gelehrten der Aufklärung dazu beigetragen, jahrhundertealten rassistischen Vorstellungen eine ideologische Kohärenz zu geben, die sie für jeden anziehend machte, der zu abstraktem Denken neigte.“[11] Durch die Wertung phänotypischer Merkmale anhand ästhetischer Kriterien, sowie ihrer Verknüpfung mit geistigen, charakterlichen oder kulturellen Fähigkeiten bereiteten die im 18. Jahrhundert ausgearbeiteten Rassentypologien den Boden für den voll entfalteten biologischen Rassismus des 19. und 20. Jahrhunderts (vgl. Fredrickson, S. 61-63).[5] Joseph Arthur Comte de Gobineau, den Poliakov als den „großen Herold biologisch gefärbten Rassismus“ bezeichnet, gilt als Erfinder der arischen Herrenrasse und Begründer der modernen Rassenlehre, bzw. als theoretischer Vordenker des modernen Rassismus.[17] Den Niedergang seines Standes erklärte der französische Adlige als Folge der rassischen Degeneration. Zudem prophezeite er, dass die Vermischung des Blutes unterschiedlicher Rassen unweigerlich zum Aussterben der Menschheit führe.[18] Im 20. Jahrhundert haben sich in vielen Ländern ausgeprägte Formen des Rassismus herausgebildet, die zum Teil zu offiziellen Ideologien der jeweiligen Staaten wurden – Beispiele sind:
Seit 1995 (Unesco, Deklaration von Schlaining) wird nicht nur jede biologische, sondern auch jede soziologische Ableitung rasseähnlicher Kategorien geächtet:
Der 21. März ist der Internationaler Tag gegen Rassismus. Im Jahr 2006 steht dort die Bekämpfung der alltäglichen Diskriminierung, des sog. Alltagsrassismus im Vordergrund. UNO-Berichterstatter über Rassismus und Fremdenfeindlichkeit ist Doudou Diène. BegriffBegriffsgeschichteRassismus als soziales und psychologisches Phänomen existiert unabhängig von Rassentheorien,[19] als rassistisch zu beschreibende Gruppenkonflikte lassen sich bis in die frühe Menschheitsgeschichte nachweisen.[3] Rassismus als systematisches Lehrgebäude dagegen entwickelte sich seit dem ausgehenden 18. Jh. im kontinentalen Europa und der angelsächsischen Welt.[20] Der Begriff «Rassismus» tauchte jedoch erst zu einem Zeitpunkt auf, als am Rassenbegriff oder zumindest an einigen seiner Verwendungen Zweifel aufkamen. Er entstand im frühen 20. Jahrhundert, in der Auseinandersetzung mit völkischen Theorien; „und in der Endung «-ismus» schlug sich die Auffassung von Historikern und anderen Autoren nieder, dass es sich dabei um fragwürdige Ansichten und Überzeugungen handele, nicht um unbestreitbare Naturtatsachen“ (Fredrickson, S. 159).[5] Die Rassisten selbst hingegen, verstanden sich positiv als Vertreter einer «Rassenkunde» oder «Rassenlehre» und lehnten folgerichtig «Rassismus» zur Umschreibung ihrer Ansichten ab (Geiss, S. 17 u. 341).[3] Meyers Lexikon definierte 1942 Rassismus folgendermaßen:
Pionierarbeit in vielerlei Hinsicht leistete Théophile Simar. Sein 1922 erschienenes Werk „Étude critique sur la formation de la doctrine des races au XVIIIe siècle et son expansion au XIXe siècle“ gilt als das erste, in dem die Begriffe «Rassismus» und «rassistisch» Anwendung fanden. Darin setzte er sich äußerst kritisch mit der These der germanischen bzw. teutonischen Überlegenheit über die anderen europäischen - besonders die romanischen - Völker auseinander und kam dabei zu dem Schluss, dass derartige Konzepte wissenschaftlich nicht stichhaltig seien und ausschließlich politischen Zwecken dienen (Fredrickson, S. 161 - 162).[5] 1935 kritisierten Julian Huxley und Alfred C. Haddon in ihrem Buch „We Europeans: A survey of Racial problems“, dass es für die Idee verschiedener, voneinander abgegrenzter Menschenrassen keinerlei wissenschaftliche Beweise gebe. Klassifikationen anhand phänotypischer oder somatischer Merkmale und darauf basierende Bewertungen sowie jede Form von «Rassenbiologie» lehnten sie als pseudowissenschaftlich ab. Sie forderten daher, das Wort Rasse aus dem wissenschaftlichen Vokabular zu streichen und durch die Bezeichnung "ethnische Gruppe" zu ersetzen. Die Rassentheorien der Nazis bezeichneten sie als „Glaubensbekenntnis eines leidenschaftlichen Rassismus“. „Der Rassismus ist ein Mythos und ein gefährlicher dazu. Er ist ein Deckmantel für selbstsüchtige ökonomische Ziele, die in ihrer unverhüllten Nacktheit hässlich genug aussehen würden.“ Die biologische Anordnung der europäischen Menschentypen sei ein subjektiver Vorgang und der Mythos des Rassismus ein Versuch, den Nationalismus zu rechtfertigen.[22] Jacques Barzun klassifizierte in seinem richtungsweisenden Werk „Race: a Study in Superstition“ von 1937 den «Rassengedanken» (racialism)[23] als modernen Aberglauben und eine Form irregeleiteten Denkens.[24] Rasse, so erklärte er, „war in Deutschland ein Mittel, um dem deutschen Volk nach der nationalen Erniedrigung von Versailles und danach ein Gefühl der Selbstachtung zurückzugeben.“ Er beschreibt ferner, wie auch schon früher und an anderen Orten Rassismus dazu benutzt wurde, um dem «Nationalen» Aufschwung zu verleihen (vgl. Fredrickson, S. 167).[5] Bereits im ersten Kapitel wies er darauf hin, dass nicht nur die deutsche Einstellung gegenüber den Juden rassistisch sei, sondern ebenso die Annahme der «weißen Überlegenheit gegenüber den Schwarzen», die Furcht vor der asiatischen «Gelben Gefahr» oder die Überzeugung, Amerika müsse die angelsächsische Rasse davor beschützen durch südeuropäisches, jüdisches oder das «Blut der Neger» verunreinigt zu werden. Seine umfassende Analyse der rassistischen Ideenwelt seiner Zeit beinhaltete u.A.:
Größeren Bekanntheitsgrad erlangte der Begriff «Rassismus» erst durch den Sexualwissenschaftler Magnus Hirschfeld, dessen zwischen 1933 und 1934 verfasste Analyse und Widerlegung der nationalsozialistischen Rassendoktrin posthum, in englischer Übersetzung, unter dem Titel „Racism“ veröffentlicht wurde. In dem 1938 erschienenen Werk erklärte Hirschfeld den Aufstieg des deutschen Antisemitismus als Folge der Probleme, die aus der Niederlage im Ersten Weltkrieg erwuchsen. Rassismus diene als Sicherheitsventil gegen ein Katastrophengefühl und scheine für die Wiederherstellung der Selbstachtung zu sorgen, zumal er sich gegen einen leicht erreichbaren und wenig gefährlichen Feind im eigenen Land richte und nicht gegen einen achtenswerten Feind jenseits der nationalen Grenzen.[25] Dem Konzept der "Rasse" konnte auch er nichts abgewinnen, was von wissenschaftlichem Wert wäre; stattdessen empfahl er die Streichung des Ausdrucks, „soweit damit Unterteilungen der menschlichen Spezies gemeint sind“.[26] Doch bot auch Hirschfeld keine formale Definition des «Rassismus» und machte auch nicht deutlich, worin seiner Ansicht nach der Unterschied zum Begriff der «Xenophobie» besteht, den er ebenfalls verwandte. Die erste Rassismus-Definition stammt von der Amerikanerin Ruth Benedict. In ihrem 1940 erschienenen Buch „Race - Science and Politics“ bezeichnet sie Rassismus als „das Dogma, dass eine ethnische Gruppe von Natur aus zu erblicher Minderwertigkeit und eine andere Gruppe zu erblicher Höherwertigkeit bestimmt ist. Das Dogma, dass die Hoffnung der Kulturwelt davon abhängt, manche Rassen zu vernichten und andere rein zu erhalten. Das Dogma, dass eine Rasse in der gesamten Menschheitsgeschichte Träger des Fortschritts war und als einzige auch künftig Fortschritt gewährleisten kann“. 1965 definiert die UNO im Internationalen Übereinkommen zur Beseitigung jeder Form von Rassendiskriminierung den Begriff der „Rassendiskriminierung“ als: „jede auf der Rasse, der Hautfarbe, der Abstammung, dem nationalen Ursprung oder dem Volkstum beruhende Unterscheidung, Ausschließung, Beschränkung oder Bevorzugung, die zum Ziel oder zur Folge hat, dass dadurch ein gleichberechtigtes Anerkennen, Genießen oder Ausüben von Menschenrechten und Grundfreiheiten im politischen, wirtschaftlichen, sozialen, kulturellen oder jedem sonstigen Bereich des öffentlichen Lebens vereitelt oder beeinträchtigt wird.“ Gegenstand und DefinitionBegriffliche DifferenzierungIn der Wissenschaft existieren heute verschiedene Definitionen des Begriffs Rassismus. Tragweite, Gültigkeit und Erklärungsmacht der jeweiligen Definitionen variieren je nach Deutungsebene und Schwerpunkt. Der Begriff ist stark ideologisiert, so dass die Akzeptanz oder Ablehnung verschiedener Definitionen auch von politischen oder ethischen Präferenzen abhängen kann. Die jeweils extremsten Deutungen weiten den Begriff entweder sehr aus, bis hin zum sog. „Speziesismus“, oder schränken ihn stark ein, so dass er lediglich den „klassischen“, also auf Rassentheorien basierenden Rassismus umfasst[27], oder verlangen zwingend ein über bloße Diskriminierung hinausgehendes eliminatorisches Element, oder stellen den Begriff sogar gänzlich in Frage, weil es sich dabei um eine „evolutionspsychologische Selbstverständlichkeit“ handele.[28] Definitionsgegenstände können historische Tatbestände sein, praktische Strukturen und Prozesse aber auch Theorien, Ideologien, Denkmethoden und abstrakte Konzepte oder der «Rassismus an sich». Der marxistische Rassismusforscher Étienne Balibar stellte fest, „dass es nicht «einen» invarianten Rassismus, sondern «mehrere» Rassismen gibt, die ein ganzes situationsabhängiges Spektrum bilden [..] Eine bestimmte rassistische Konfiguration hat keine festen Grenzen, sie ist ein Moment einer Entwicklung, dass je nach seinen eigenen latenten Möglichkeiten, aber auch nach den historischen Umständen und den Kräfteverhältnissen in den Gesellschaftsformationen einen anderen Platz im Spektrum möglicher Rassismen einnehmen kann.“[29] Der Historiker Patrick Girard sah bereits 1976 die Notwendigkeit eines differenzierteren Rassismusbegriffes: „Zum Beispiel waren offensichtlich Juden, Indianer und Schwarze alle Opfer verschiedener Spielarten des Rassismus. Sie waren das aber auf Grund ganz unterschiedlicher Voraussetzungen in ganz verschiedenen Epochen und aus ganz verschiedenen Gründen. Daher ist es vorzuziehen, von «Rassismen» und nicht von «Rassismus» zu sprechen, wobei der Antisemitismus, wie wir sehen werden, eine Sonderstellung einnimmt“. [30] Auch der Soziologe Stuart Hall u.a. unterscheiden aus praktischen und analytischen Erwägungen heraus zwischen dem «allgemeinen Rassismus» und seinen verschiedenen Ausformungen, den Rassismen:
In gleicher Weise argumentiert der Historiker George M. Fredrickson:
Die Soziologen Loïc Wacquant und Albert Memmi empfehlen, „ein für alle mal auf die allzu dehnbare Reizvokabel Rassismus zu verzichten oder sie allenfalls zur Beschreibung empirisch analysierbarer Doktrinen und Überzeugungen von Rassen zu verwenden;“[35] bzw. den Terminus «Rassismus», wenn überhaupt, dann ausschließlich zur Bezeichnung des Rassismus im biologischen Wortsinne zu gebrauchen (Memmi, S. 121).[36] Rassismusdefinition nach Albert MemmiFür den französischen Soziologen Albert Memmi besteht Rassismus in einer „Hervorhebung von Unterschieden, in einer Wertung dieser Unterschiede und schließlich im Gebrauch dieser Wertung im Interesse und zugunsten des Anklägers.“ Jedoch mache keine dieser Vorgehensweisen für sich allein schon den Rassismus aus, dieser entstehe erst durch die Verknüpfung (Memmi, S. 44).[36]
Diese Definition beinhaltet vier[41] Elemente, die Memmi für wesentlich erachtet und denen auch in der aktuellen Rassismusforschung zentrale Bedeutung zukommt: DifferenzDie Grundlage des Rassismus besteht in der nachdrücklichen (Über)Betonung oder Konstruktion tatsächlicher oder fiktiver Unterschiede zwischen Rassist und Opfer. „Der Unterschied ist der Angelpunkt rassistischer Denk und Handlungsweise“ (Memmi, S. 48).[36] Memmi weist ausdrücklich darauf hin, dass es sich dabei um einen «allgemeinen Mechanismus» handelt, er „[Der Rassismus] beschränkt sich weder auf die Biologie noch auf die Ökonomie, die Psychologie oder die Metaphysik; er ist eine vielseitig verwendbare Beschuldigung, die von allem Gebrauch macht, was sich anbietet, selbst von dem, was gar nicht greifbar ist, weil sie es je nach Bedarf erfindet“ (Memmi, S. 83).[36] „Die Rassisten verabscheuen die Araber jetzt nicht mehr wegen ihrer sonnenverbrannten Haut oder ihrer levantinischen Gesichtszüge, sondern weil sie - «machen wir uns doch nichts vor» - einer lächerlichen Religion anhängen, ihre Frauen schlecht behandeln, grausam oder einfach rückständig sind“ (Memmi, S. 101).[36] Die Benutzung des Unterschiedes sei zwar für die rassistische Argumentation unentbehrlich, „aber es ist nicht der Unterschied, der stets den Rassismus nach sich zieht, es ist vielmehr der Rassismus, der sich den Unterschied zunutze macht“. Dabei spiele es keine Rolle, ob der Unterschied real sei oder reine Fiktion, für sich allein wichtig oder unbedeutend. „Wenn es keinen Unterschied gibt, dann wird er vom Rassisten erfunden; gibt es ihn hingegen, dann wird er von ihm zu seinem Vorteil interpretiert“ (Memmi, S. 167).[36] WertungDas bloße Aufzeigen einer Verschiedenheit zwischen zwei Individuen oder Gruppen stellt, so Memmi, für sich allein genommen noch keinen Rassismus dar. „Der Rassismus liegt nicht in der Feststellung eines Unterschieds, sondern in dessen Verwendung gegen einen anderen“ (Memmi, S. 214).[36] „Der Rassismus ist die Wertung [..]“, er beginnt dort, wo der Unterschied eine Interpretation[42] erfährt und ihm eine (zusätzliche) Bedeutung beigemessen wird, in der Art, dass sie (ab)wertend wirkt und Nachteile für den Bewerteten nach sich zieht.[43] „Erst im Kontext des Rassismus nimmt diese Betonung des Unterschieds eine besondere Bedeutung an [..]“ (Memmi, S. 166).[36] Die Hervorhebung von tatsächlichen oder eingebildeten Unterschieden ist für Memmi lediglich ein „bequemes Werkzeug für etwas ganz anderes, nämlich die Infragestellung des Opfers“. Woraus sich als Konsequenz ergibt, dass die Merkmale des anderen stets negative sind, sie bezeichnen etwas Schlechtes, während die Merkmale des Rassisten gut sind. „Der Rassist ist liebenswert, weil sein Opfer verabscheuungswürdig ist. Die Welt des Rassisten ist die des Guten, die Welt seines Opfers die des Bösen“ (Memmi, S. 98 - 99).[36] VerallgemeinerungVerallgemeinerung wird von Memmi in zweifacher Hinsicht aufgefasst, sie drückt sich zum einen als «Entindividualisierung» oder «Entpersönlichung» die gleichsam mit einer «Entmenschlichung» einhergeht, zum anderen als «Verabsolutierung» oder «Verewiglichung» aus; er spricht in diesem Sinne von einer „doppelten Verallgemeinerung“. „Die Beschuldigung richtet sich fast immer zumindest implizit gegen fast alle Mitglieder der Gruppe, so dass jedes andere Mitglied derselben Beschuldigung ausgesetzt ist, und sie ist zeitlich unbegrenzt, so dass kein denkbares Ereignis in der Zukunft dem Prozess jemals ein Ende machen kann“ (Memmi, S. 114).[36] Das Individuum wird nicht mehr für sich betrachtet, sondern als Mitglied einer Gruppe, deren Eigenschaften es zwangsläufig, a priori besitzt, es wird entindividualisiert. „Zugleich verdient die gesamte Fremdgruppe, der das Stigma des Schädlichen und Aggressiven anhaftet, dass man sie angreift; umgekehrt verdient jeder Angehörige der Fremdgruppe a priori die Sanktion [..]“ (Memmi, S. 116).[36] Mit dem Verlust der Individualität geht der Verlust der persönlichen und menschlichen Rechte und Würde einher. Der Mensch wird nicht in differenzierender Weise beschrieben; „er hat nur das Recht darauf, in einem anonymen Kollektiv zu ertrinken“ (vgl. Memmi, S. 183 - 186).[36] Jeder wirkliche oder erfundene Mangel des Einzelnen wird auf die ganze pseudoverwandschaftliche Gruppe ausgedehnt und gleichzeitig wird der Einzelne aufgrund eines kollektiven Makels verurteilt. „Individuelles und kollektives Merkmal stehen in einer Art dialektischem Verhältnis zueinander“ (vgl. Memmi, S. 170 f.).[36] FunktionFür Memmi dient Rassismus primär der Herrschaftssicherung, Sinn und Zweck des Rassismus liegt in der Vorherrschaft (Memmi, S. 60).[36] Sekundär kompensiert er psychologische Defizite, „man festigt die eigene Position gegen den Anderen. Psychoanalytisch gesprochen ermöglicht der Rassismus eine individuelle und kollektive Stärkung des Ichs“ (Memmi, S. 160).[36] „Um groß zu sein, genügt es dem Rassisten, auf die Schultern eines anderen zu steigen“ (Memmi, S. 202).[36] Rassismusdefinition nach FredricksonWährend bei Memmi die Wertung ein zentrales Element darstellt, verzichtet George M. Fredrickson vollständig auf dieses Kriterium, wodurch seine Definition auch bestimmte ethnozentrische, vor allem aber ethnopluralistische Konzepte einschließt (vgl. Fredrickson, S. 18 f.).[5] Fredricksons Theorie oder Konzeption des Rassismus aus dem Jahr 2002 basiert lediglich auf zwei Komponenten: «Differenz» und «Macht».
Nicht die «Differenz», sondern bereits das „Gefühl der Differenz“ dient - nach Fredrickson - Rassisten als Motiv zur Machtausübung, bzw. als Rechtfertigung um „ethnorassisch Andere“ grausam oder ungerecht zu behandeln. Zur Konstruktion von «wir» und «sie» bedarf es keines realen Unterschiedes, es reicht bereits ein «gefühlter Unterschied». Weder konkretisiert er die Art der Machtausübung, diese kann von „einer inoffiziellen, aber durchgängig praktizierten sozialen Diskriminierung bis zum Völkermord“ reichen (Fredrickson, S. 16 f.);[5] noch legt er fest, ob die Differenz biologischer, kultureller, religiöser oder sonstiger Natur ist. „Gewöhnlich greift die Wahrnehmung des Anderen als «Rasse» jedoch Differenzen auf, die in irgend einem Sinne «ethnisch» sind. Nach der Definition des Politikwissenschaftlers Donald L. Horowitz gründet Ethnizität «auf einem Mythos gemeinsamer Abstammung, die zumeist mit vermeintlich angeborenen Merkmalen einhergeht. Eine gewisse Vorstellung von Merkmalszuschreibung und einer daraus resultierenden Affinität sind vom Konzept der Ethnizität untrennbar.» Die Kennzeichen und Identifizierungsmerkmale, an die man dabei gewöhnlich denkt, sind Sprache, Religion, Bräuche sowie (angeborene oder erworbene) physische Eigenschaften. Eines oder mehrere davon (manchmal alle), können als Quellen ethnischer Verschiedenheit dienen; jedes von ihnen kann Verachtung, Diskriminierung oder Gewalt seitens der anderen Gruppe hervorrufen, die das Merkmal oder die Merkmale, die zum Kriterium des ethnisch Anderen geworden sind nicht teilt. Man kann, wie ich es in einem früheren Essay einmal getan habe, das Wesen des Rassismus als hierarchisch geordnete Ethnizität beschreiben; mit anderen Worten, Differenz wird unter Einsatz von Macht zu etwas, das Haß erregt und Nachteile mit sich bringt“ (Fredrickson, S. 142).[5] Während Memmi den Fokus auf die Hierarchisierung, also die Wertung der Differenzen legt, betont Fredrickson besonders deren Verabsolutierung; die «Differenz», die „ethnorassische“ Andersartigkeit muss dauerhaft sein und ohne die Möglichkeit die Unterschiede zu überbrücken. Die Gruppenkonstruktion wird dadurch biologisiert oder auch essentialisiert, dass die ethnischen, kulturellen oder sonstigen Differenzen zu unüberbrückbaren, quasi-biologischen Unterschieden erklärt werden; die Gruppenkonstruktion wird zum Rassenäquivalent. „Zwar mögen Shoah und Entkolonialisierung auf Dauer Regimes in Mißkredit gebracht haben, die ich als «offen rassistisch» bezeichnet habe; doch sollte diese gute Nachricht nicht zu der Überzeugung aufgebauscht werden, der Rassismus als solcher sei tot oder liege im Sterben [...] Was als «neuer Rassismus» in den USA, Großbritannien und Frankreich bezeichnet wurde, ist eine Denkweise, die kulturelle Differenzen anstelle von genetischer Ausstattung verdinglicht und zu Wesensunterschieden erstarren lässt, die also mit anderen Worten Kultur zum funktionalen Äquivalent von Rasse macht“ (Fredrickson, S. 144).[5] „Von der Existenz einer rassistischen Einstellung kann man sprechen, wenn Differenzen, die sonst als ethnokulturelle betrachtet werden, für angeboren, unauslöschlich und unveränderbar erklärt werden“ (Fredrickson, S. 13).[5] Rassismus, so Fredrickson, „leugnet die Möglichkeit, dass die Rassisten und ihre Opfer in derselben Gesellschaft zusammenleben können, es sei denn auf der Grundlage von Herrschaft und Unterordnung“, in Anlehnung an Pierre-André Taguieff spricht er von Rassismen der Inklusion und solchen der Exklusion.[44] Ebenfalls gilt als ausgeschlossen, dass die ethnorassische Differenz aufgehoben werden kann, wenn Menschen ihre Identität ändern (Fredrickson, S. 17).[5] Dauerhaftigkeit und Unüberbrückbarkeit der Differenz sind für Fredrickson das entscheidende Merkmal, um Rassismen von anderen Formen der Intoleranz und Diskriminierung abzugrenzen. „Es könnte sinnvoll sein, einen anderen Begriff, etwa «Kulturalismus», zu verwenden, um die Unfähigkeit oder die mangelnde Bereitschaft zur Duldung kultureller Differenzen zu beschreiben; doch wenn eine echte Assimilation angeboten wird, würde ich auf die Verwendung des Rassismusbegriffs verzichten“ (Fredrickson, S. 14 - 15).[5] Jedoch gelte es zwischen verschiedenen Konzeptionen von Kultur zu unterscheiden. „Geht man davon aus, dass Kultur historisch konstruiert ist und etwas Fließendes, zeitlich und räumlich Variables darstellt, das sich an äußere Umstände anpassen kann, dann ist der Begriff Kultur dem der Rasse diametral entgegengesetzt. Aber Kultur kann in einem solchen Maße verdinglicht und essentialisiert werden, dass sie zum funktionalen Äquivalent des Rassenbegriffs wird“ (Fredrickson, S. 15).[5] „Ein deterministischer kultureller Partikularismus kann das gleiche bewirken wie ein biologisch begründeter Rassismus [...]“ (Fredrickson, S. 16)[5] Die Grenzlinie zwischen «Kulturalismus» und Rassismus ist, nach Fredrickson, rasch überschritten, „Kultur und sogar Religion können so sehr zu Wesensmerkmalen erstarren, dass sie als funktionales Äquivalent für biologischen Rassismus dienen können. Das gilt seit einiger Zeit in gewissem Umfang für die Wahrnehmung der Schwarzen in den USA und Großbritannien sowie für die der Muslime in einigen vorwiegend christlichen Nationen“ (Fredrickson, S. 148).[5] Individualität und MenschenrechteFür Christoph Butterwegge ist Rassismus ein „Denken, das nach körperlichen bzw. nach kulturellen Merkmalen gebildeten Großgruppen unterschiedliche Fähigkeiten, Fertigkeiten, und/oder Charaktereigenschaften zuschreibt, wodurch selbst dann, wenn keine gesellschaftliche Rangordnung (Hierarchie) zwischen ihnen entsteht, die Ungleichverteilung sozialer Ressourcen und politischer Rechte erklärt, also die Existenz von Privilegien bzw. der Anspruch darauf legitimiert, die Gültigkeit universeller Menschenrechte hingegen negiert wird.“ [45] Nach Manfred Kappeler benachteiligt Rassismus größere Gruppen von Menschen aufgrund ihrer biologisch oder kulturell begründeten Fremdheit und bestreitet ihren Anspruch auf Menschen- bzw. Bürgerrechte sowie Menschenwürde. Sein „zutiefst inhumaner Kern“ bestehe darin, dass er Menschen nicht als Persönlichkeiten mit eigenen Anlagen und Begabungen, sondern nur als Mitglieder ihrer »Rasse« oder ihres «Kulturkreises» ansehe und ihnen damit jede individuelle, über vermeintliche Kollektiveigenschaften hinausgehenden Entwicklungsmöglichkeiten abspreche. [46] Menschenrechte und -würde stehen auch für den Historiker Georg Kreis im Mittelpunkt, ebenfalls betont er die Verallgemeinerung der Differenz:
Rassismusdefinition nach Philomena EssedFür Philomena Essed ist Rassismus „eine Ideologie, eine Struktur und ein Prozess, mittels derer bestimmte Gruppierungen auf der Grundlage tatsächlicher oder zugeschriebener biologischer oder kultureller Eigenschaften als wesensmäßig andersgeartete und minderwertige «Rassen» oder ethnische Gruppen angesehen werden. In der Folge dienen diese Unterschiede als Erklärung dafür, dass Mitglieder dieser Gruppierungen vom Zugang zu materiellen und nicht-materiellen Ressourcen ausgeschlossen werden. Rassismus schließt immer den Gruppenkonflikt hinsichtlich kultureller und materieller Ressourcen ein.“ „[...] Rassismus ist ein strukturelles Phänomen. das bedeutet, dass ethnisch spezifizierte Ungleichheit in ökonomischen und politischen Institutionen, im Bereich von Bildung und Erziehung und in den Medien wurzelt und durch diese Strukturen reproduziert wird.“ [48] Rassismusdefinition nach Robert MilesRobert Miles hingegen versteht unter Rassismus einen „Prozess der Konstruktion von Bedeutungen“, durch den „bestimmten phänotypischen und/oder genetischen Eigenschaften von Menschen Bedeutungen der Gestalt zugeschrieben werden, dass daraus ein System von Kategorisierungen entsteht“, in dem den Betroffenen „zusätzliche (negativ bewertete) Eigenschaften zugeordnet werden“.[49]. Diese Definition betont wiederum den ideologischen Aspekt des Rassismus. Gleichzeitig verknüpft sie ihn aber eng mit dem „Prozess der Rassenkonstruktion“ und beschränkt ihn so auf seine klassische Variante. KritikFredrickson bemerkt, dass der Begriff «Rassismus» häufig unpräzise und unreflektiert verwendet würde, um die feindseligen oder negativen Gefühle eines «Volkes» oder einer ethnischen Gruppe gegenüber einer anderen und die aus dieser Einstellung resultierenden Handlungsweisen zu beschreiben (Fredrickson, S. 9).[5] Geschichtliche ErscheinungenAltertumAntikes Griechenland und RomDie Frage, ob es im alten Griechenland und im alten Rom Rassismus gegeben habe, wird unterschiedlich beantwortet. David Theo Goldberg, der das «Konzept der Ausschließung» als zentral für die Untersuchung und Unterscheidung rassistischer Diskriminierungen betrachtet [51] verneint Rassismus, weil die Griechen die „Barbaren“ gerade nicht kategorisch verabscheuten (siehe Homer, Herodot, Aischylos, Xenophon und andere). Auch Yves Albert Dauge bestreitet, dass es in der römischen Welt Rassismus gegeben habe.[52] Obschon in der Antike Überlegenheitsgefühle eines Stammes oder Volkes über andere Gruppen und ethnische, religiöse oder kulturelle Stereotype verbreitet waren, existiert für die Begriffe «Rasse» oder «Rassismus» kein exaktes Äquivalent in der griechischen oder lateinischen Sprache. Aus dem gleichen Grunde sieht auch Christopher Tuplin keine Veranlassung, von Rassismus in der griechischen Welt zu sprechen; die Diskussion des Rassismus müsse seiner Meinung nach eine Definition von Rasse einschließen.[53] Autoren wie Christian Delacampagne oder Benjamin Isaac, Professor für Alte Geschichte an der Universität Tel Aviv, sind anderer Auffassung und betonen, dass einerseits dem Rassenbegriff analoge ideologische Konstruktionen existiert hätten und andererseits Rassismus ohnehin im Kern kulturell argumentiere.[54][55] Beide verweisen ausführlich auf Aristoteles’ Konstruktion des Barbaren und eine mit ihr betriebene Legitimation der Sklaverei. Barbaren sei ein minderes Menschsein zugeschrieben worden, weil sie nur bedingt über Vernunft verfügten.[56] Proto-RassismusIsaac benutzt für die Antike, neben «frühem Rassismus» oder «antikem Rassismus» hauptsächlich den Begriff «Proto-Rassismus», der in den 1970ern von dem französischen Ägyptologen Jean Yoyotte geprägt wurde. Er will damit zweierlei zum Ausdruck bringen: Zwar habe es in der Antike eine Art von Rassismus gegeben, aber dieser habe sich vom klassischen Rassismus unterschieden, wie er sich im 18. und 19. Jahrhundert entwickelt hat. Doch ist der antike Rassismus insofern Proto-Rassismus, also Vorläufer des Rassismus, als er – nach Isaac – späteres rassistisches Denken beeinflusst hat. Für Isaac zeichnet sich Rassismus dadurch aus, dass hierbei Individuen oder ganze Gruppen von Menschen mit unveränderlichen körperlichen oder geistigen Eigenschaften in Verbindung gebracht werden. Diese kollektiven Eigenschaften sind für den Rassisten vorgegeben, sie können nicht verändert werden, da sie entweder vererbt oder aber durch klimatische und sonstige geografische Bedingungen erzwungen wurden. Einige Stereotype seien bereits in der Antike zur Legitimierung imperialistischer Aggressionen gegenüber «minderwertigen» Völkern benutzt worden. Antike Elemente des Proto-Rassismus seien ferner zu grundlegenden Bausteinen des modernen Rassismus geworden. Sie seien über Autoren des 18. Jahrhunderts den Begründern der modernen rassistischen Ideologie übermittelt worden. Die griechisch-römische Antike kenne zwar keine Theorie eines biologischen Determinismus, dennoch finde sich schon früh spätestens ab dem 5. Jahrhundert v. Chr. die Vorstellung, dass Menschen je nach ihrer geografischen Herkunft besser oder schlechter sind. Menschen aus dem Osten seien träge und sinnlich, solche aus dem Westen ungestüm und bedrohlich. Athen und später dann Rom hätten sich als ideale Mitte zwischen diesen Extremen gesehen, wobei das angenehme Klima Griechenlands und Italiens als Argument gedient habe. Proto-Rassismus gibt es nach Isaac zum einen also in diesen anthropogeografischen Vorstellungen. Zum anderen hat vor allem Aristoteles (und nach ihm andere) die Ansicht vertreten, dass gewisse Menschen zu einem sklavischen Dasein geboren wurden. Es gibt gemäß dieser Ansicht Menschen höherer Ordnung und solche einer niedrigeren Ordnung. Auch diese Unterscheidung ist, nach Isaac, Proto-Rassismus: The question to be considered is what are the explanations given in ancient literature for the presumed superiority or inferiority of specific groups. If these consist of theories regarding heredity or unalterable exterior influences, it is possible to speak of proto-racism.[57] Der Terminus «Proto-Rassismus» wird auch von Fredrickson verwandt, allerdings nicht im Zusammenhang mit der Antike, sondern erst ab dem Mittelalter. Klima-TheorieAntiker (Proto-)Rassismus zeigte sich nach Isaac insbesondere in Form der so genannten „Klimatheorie“, die unterschiedlichen nichtgriechischen Völkern negative Eigenschaften zuschreibt. Sie spiegelt sich erstmals in der pseudo-hippokratischen Schrift „Über die Umwelt“ (lateinisch „De aeribus“, Abk.: „aer.“) und teilweise bei Herodot (beide 5. Jh. v. Chr.). Herodot macht besonders im 2. Buch, das vor allem Ägypten behandelt und oft als eigenständiges Frühwerk des Verfassers angesehen wird, klimatheoretische Aussagen, um zum Beispiel unterschiedliche Maßeinheiten für Weglänge der Völker daraus abzuleiten. Wahrscheinlich gab es eine ursprüngliche Klimatheorie, die von beiden Schriften rezipiert wurde; Eine solche könnte etwa aus der Jahrhundertmitte stammen. Im Hinblick auf die so genannten „Makrokephalen“, eines mythischen Volkes, das in aer. aber als historisch beschrieben wird, wird klimatheoretischer Proto-Rassismus mit der Vorstellung der Vererbbarkeit solcher Merkmale vermengt, diese Vorstellung bleibt jedoch inkonsequent, sicher nicht zuletzt wegen des unzureichenden Wissens damaliger Zeit hinsichtlich der Erbbiologie. Der Klimatheorie ist in aer. immer die Theorie der Inferiorität von Fremdvölkern aufgrund ihrer politischen Verfassung (Despotie) beigeordnet. Welcher Faktor letztentscheidend sein soll, bleibt aufgrund einer sophistisch geprägten Rhetorik, die möglichst Anhänger beider Theorien für sich gewinnen möchte, unentschieden.[58] Hautfarben-Rassismus, Haarfarben-RassismusVincent Rosivach meinte 1999, dass das (meist) rote und blonde Haar der Thraker und anderer Völker nördlich von Griechenland als Kennzeichen von Sklaven und von als mit solchen verbunden gedachten minderwertigen Charakterzeichen galt: Thraker bildeten die erste ethnisch geschlossene Gruppe von Sklaven im Athen archaischer Zeit, schon im frühen 6. Jahrhundert v. Chr. sind sie unter Solon angekauft worden, so traten Menschen mit diesem Phänotyp in Athen fast ausschließlich als Sklaven auf. Entsprechende Assoziationen seitens der restlichen Bevölkerung mussten sich einstellen. So wurden als eine offensichtliche Folge Komödienmasken mit rotem Haar ausschließlich für die Charaktere von Sklaven verwendet. „Rot-“ bzw. „Blondschopf“ waren typische Sklavennamen. Diese Theorie ist aber insofern inkonsistent als herausragende Gestalten der Griechen, wie z.B. Achilles bei Homer, als blond beschrieben wurden. Ein bekannteres Beispiel für solche ethnisch einheitliche „cattle slavery“ (Rosivach) ist aus klassischer Zeit die Institution der skythischen Staatssklaven (Polizeiaufgaben) seit ca. 480/70 v. u. Z.; vgl. deren Bild bei Aristophanes, zum Beispiel gegen Ende der „Themophoriazousen“ und in der „Lysistrata“ (skythische Staatssklaven mehr an Weinschänken als an Polizeiaufgaben interessiert). Weil Sklaven in Griechenland (anders als im Orient: vgl. z. B. Exodus 21,20) der Willkür ihrer Besitzer ohne rechtliche Einschränkung ausgeliefert waren, mussten sie ein Verhalten an den Tag legen, das Freien leicht als „feige“ gelten konnte.[59] Gegen die Annahme der Existenz eines Hautfarbenrassismus in der Antike wendet sich seit den 1980er-Jahren Frank Snowden. Dichotome und graduelle Abwertung, GenderTendenziell galt in Athen alles, was nicht männlicher Athener war, als minderwertig. Diese dichotome Sichtweise wertete also Frauen und Fremde, wenigstens Nichtgriechen (panhellenischer Gedanke bes. seit der Philosophie des frühen 4. Jahrhundert nach dem Desaster des Peloponnesischen Kriegs) en bloc ab. So ist fraglich, ob versklavte Griechinnen (beispielsweise die Melierinnen nach 427) überhaupt noch als Griechinnen angesehen wurden, wenn Griechen aus Sicht ihrer eigenen Ideologie heraus überhaupt nicht unfrei sein konnten. <Vincent Rosivach> Wenn sie also doch unfrei wurden, konnten sie womöglich nicht mehr als Griechinnen gelten. Bei Platon gab es neben dieser dichotomen Sichtweise, die alles Unathenische als weibisch (bzw. weiblich), fremd, feige, verlogen, standpunktlos, primitiv oder dekadent abtat, einige „Argumentationshilfen“, die eine unterschiedliche Bewertung der verschiedenen Fremdvölker aus griechischer Sicht als damalige attische oder griechische communis opinio als Basis nahelegt. So setzt er in seiner „Politeia“ die drei Seelenteile in Beziehung zu den einzelnen Fremdvölkern zugewiesenen Charaktereigenschaften; ihm gelten Thraker und Skythen als kriegerisch, Phönizier und Ägypter als erwerbsstrebig. [60] Sein Schüler Aristoteles nennt die gleichen Beispiele kriegerischer Völker (Aristot. pol. 1324b 10–20). Thraker und Skythen, die beiden Fremdvölker im Norden, werden also von beiden als kriegerisch benannt, als zum Herrschen bzw. zur besten Herrschaft geeignet, nennen beide ausschließlich das eigene Volk. Aristoteles (4. Jahrhundert) fasst die Klimatheorie des 5. Jahrhunderts derart zusammen, dass die Griechen auf Grund ihrer Mittellage zwischen zwei (vermeintlichen) Klimaextremen zwischen mutigen aber stumpfsinnigen Barbaren im Nordens einerseits (erwähnte Thraker und Skythen) und feinsinnigen aber feigen Barbaren im Südostens andererseits (bes. Lyder, Phryger, Perser) beide positiven Eigenschaften hätten integrieren können, so dass sie als einziges Volk in der Lage seien, dieses Namens werte „politische“ Gemeinwesen („Polis“ = „Stadtstaat“) zu bilden. Bedeutend für den Wert der Polis ist darin, dass das Denkfähigste über das weniger Denkfähige herrsche, das heißt, der Grieche über seine Frau, seine Kinder und, am Ende der Skala, seine Fremdvölker-Sklaven. Der Krieg gegen Fremdvölker sei letztlich kein Krieg – solchen könne man nur gegen Griechen führen – sondern nichts anderes als eine Jagd wie auf wilde Tiere, um diese teils zu töten, teils zu zähmen. (Aristot. pol. 1255b 35–40). Eine einfachere Differenzierung als Platon nimmt Aristoteles vor, wenn er ein Europa-Asien-Gefälle unter den nichtgriechischen Völkern postuliert, die kleinasistischen seien „sklavischer“. (Aristot. pol. 1285a 15–25) Hinsichtlich der Körperlichkeit meinte Aristoteles, dass auf die Natur leider kein Verlass sei. Sie gebe sich zwar Mühe, die Körper von Freien und Sklaven verschieden zu gestalten, doch habe sie damit oft keinen Erfolg. Die ihnen zugeschriebene Minderwertigkeit konnte man den Barbaren also nicht unbedingt ansehen. Altertümliches Indien, China und JapanIn Asien gibt es ebenfalls weit zurückreichende Formen rassistischer Diskriminierung, die klassenbezogene und kulturbezogene Grundlagen hatten und ohne Rassenbegriff funktionierten. Die Chinesen entwickelten schon Jahrhunderte vor den Griechen kulturalistische Vorstellungen von Barbaren. Nachdem sie ursprünglich davon ausgingen, dass diese durch den Kontakt mit der chinesischen Kultur zivilisiert werden könnten, wurden sie schließlich mit Tieren verglichen, die kulturell grundsätzlich defizitär seien. Frank Dikötter hat darauf hingewiesen, dass es im Kaiserreich China eine lang währende eigene rassistische Tradition gab, ehe man dort mit dem europäischen Rassengedanken in Kontakt kam. Das gilt auch für Indien, wo Kastenschema und Unberührbarkeit mit Hilfe von organischen Metaphern (Purusha) und Vermischungsverboten legitimiert wurden. Diese Biologisierung sozialer Unterschiede war durchaus nicht einzigartig. Sie wurde im Zuge der durch den europäischen Imperialismus importierten Rassentypologie und mit Hilfe des auf sie gestützten arischen Mythos einer völkischen Interpretation unterzogen, die behauptete, das Kastenschema wäre das Produkt hellhäutiger arischer Einwanderer, die die dunkelhäutige Urbevölkerung unterworfen hätten. Gail Omvedt schreibt dazu: “Punjabi Brahmans and Punjabi Untouchables were ethnically the same, and Tamil Brahmans and Tamil Untouchables were not racially different.” (etwa: „Die Brahmanen des Pundschab und die Unberührbaren des Pundschab waren ethnisch identisch, und die tamilischen Brahmanen unterschieden sich in der Rasse nicht von den tamilischen Unberührbaren.“) Sozial begründete Kastendifferenzen gab es auch in Japan. Die rassistische Diskriminierung der Buraku, einer mit niederen und als unrein geltenden Tätigkeiten beschäftigten Kaste, reicht bis ins 14. Jahrhundert zurück. Neben diesem nach innen gerichteten Rassismus gab es auch die nach außen gerichtete rassistische Diskriminierung der Ainu. Sowohl auf die Buraku als auch auf die Ainu wurde später der von den Europäern entlehnte Rassenbegriff angewandt und so, wie Richard Siddle, Michael Weiner und andere gezeigt haben, deren auf Kastendenken und Kulturchauvinismus gestützte Diskriminierung rassisiert. In allen Fällen wird deutlich, dass Rassismus ohne Rassen funktioniert und im Kern kulturalistisch bestimmt ist. MittelalterDer Rassismus des europäischen Mittelalters lässt sich an verschiedenen Indikatoren aufzeigen. Einmal ist es die Zeit eines umkämpften Bildes vom Afrikaner, zu dem Peter Martin Material zusammengetragen hat, das auf widersprüchliche Konzeptionen verweist, die zwischen Wolfram von Eschenbachs schöner schwarzer Königin Belakane und den schwarzen moslemischen Teufeln des Rolandsliedes schwanken. Später treten mit den judenfeindlichen Pogromen während des ersten Kreuzzuges und der großen Pest Ideologien und Praktiken der Ausgrenzung und Vernichtung zutage, die für Léon Poliakov und andere zur Geschichte des Antisemitismus und Rassismus gehören. Entgegenhalten ließe sich dem allerdings, dass die Ablehnung der Juden sich vornehmlich religiös artikulierte. (s. Antijudaismus) Reconquista und ConquistaDas Jahr 1492 steht mit dem Fall von Granada, der Vertreibung der Mauren und Juden aus Spanien und der europäischen Entdeckung Amerikas für eine Vermengung und Überlagerung unterschiedlicher praktischer und ideologischer Formen rassistischer Diskriminierung. Norman Roth und andere haben gezeigt, wie der Antisemitismus in der Politik der Blutsreinheit (limpieza de sangre) gegenüber den Juden seine moderne Form anzunehmen begann. Zielgruppe dieser Politik waren zum Christentum konvertierte Juden oder deren Nachkommen (Marranos), deren religiösem Bekenntnis weiterhin misstraut wurde. Ihnen gegenüber wurde mit der Frage nach der Blutsreinheit ihre Herkunft geltend gemacht und nach bis zu einem Sechzehntelanteil angeblich jüdischen Blutes gefahndet. Es galt sogar als gefährlich, christliche Kinder von Ammen aus konvertierten Familien stillen zu lassen, weil sich deren Milch angeblich schädlich auswirken könne. Die Eroberung Amerikas hatte mit dem Genozid an den Indianern und der anschließenden Verschleppung afrikanischer Sklaven gleich zwei rassistische Dimensionen. In der Auseinandersetzung zwischen Bartolomé de Las Casas und Juan Gines de Sepulveda über die Frage, ob die Eingeborenen des späteren Amerika Menschen seien und wie sie behandelt werden müssten, wurde einerseits nach wie vor auf den von Aristoteles geprägten Begriff des Barbaren zurückgegriffen. Andererseits begann sich aufgrund der Herausbildung einer vielfältig gemischten Gesellschaft ein an Hautfarben orientiertes Kastensystem zu entwickeln, das zahlreiche Blutskombinationen und Abschattierungen kannte. Imanuel Geiss hat eine der gängigen Unterteilungen dokumentiert:
NeuzeitAmerikaIm Zuge der Eroberung Amerikas kam der Rassismus auf unterschiedliche Weise zum Ausdruck: als Eroberung mit genozidalen Folgen für die Indianer, als transatlantische Sklaverei und als Errichtung eines Systems weißer Vorherrschaft. Genozidale FolgenDer europäisch-amerikanische Kontakt hatte für die indigenen Amerikaner zweifelsohne Folgen von genozidalen Ausmaßen. Über seine erste Phase in Mittelamerika und Südamerika schreibt David E. Stannard: „By the time the sixteenth century had ended perhaps 200,000 Spaniards had moved their lives to the Indies, to Mexico, to Central America, and points further to the south. In contrast, by the time, somewhere between 60,000,000 and 80,000,000 natives from those lands were dead.“ Über Nordamerika schreibt Ward Churchill: „From the time Juan Ponce de León arrived in North America in 1513, […] until the turn of the twentieth century, up to 99 percent of the continent’s indiginous population was eradicated.“ Was das in absoluten Zahlen bedeutet, hängt natürlich von Schätzungen der ursprünglichen Bevölkerung ab. Churchill zufolge hat in diesem Zusammenhang selbst die Statistik der Gegenwart rassistische Tendenzen und neigt häufig dazu, die Zahl der potentiellen Opfer herunterzurechnen. Er selbst hält es für realistisch, von ursprünglich 15 Mio. Nordamerikanern auszugehen. Colin Tatz, der Direktor des Centre for Comparative Genocide Studies in Sydney, hat „Genozid als die ultimative Form von Rassismus“ bezeichnet. Das amerikanische Beispiel macht in diesem Zusammenhang deutlich, dass der so genannte Rassismus ohne Rassen kein neues, sondern ein altes, dem am Rassenbegriff orientierten Rassismus vorausgehendes Konzept ist. Den europäischen Völkermördern in Amerika stand der Rassenbegriff noch nicht zur Verfügung. Sie bedienten sich zur Legitimation ihres Vorgehens der überkommenen kulturalistischen Vorstellung von Barbaren als minderwertiger Menschen. Allerdings gibt der amerikanische Anthropologe Jared Diamond in seinem Werk Arm und Reich in keineswegs apologetischer Absicht zu bedenken, dass der Großteil der indigenen Bevölkerung beider amerikanischer Kontinente nicht durch aktiven Genozid, sondern durch die von den Eroberern meist nicht vorhersehbar gewesene Auswirkung eurasischer Seuchen vernichtet worden sei.[61] Das tatsächliche Ziel der spanischen Konquistadoren sei nicht die (sinnlose) Auslöschung der Indianer, sondern ihre Unterwerfung und Besteuerung gewesen. Ähnlich argumentiert der englische Historiker Hugh Thomas, der in seinem Buch Die Eroberung Mexikos anführt, dass trotz großer Opfer durch die gewalttätige Eroberung des Aztekenreiches erst die parallel aufgetretenen Krankheiten die eigentliche Katastrophe initiiert hätten. (s. Spanische Eroberung Mexikos). SklavereiDie transatlantische Sklaverei war nicht nur ökonomisch ein Dreiecksverhältnis, in dem Billigwaren, Schnaps und Waffen aus Europa oft unter Einbezug arabischer [62] Sklavenhändler gegen Sklaven aus Afrika und diese gegen amerikanische Kolonialwaren eingetauscht wurden. Sie war auch ein von der Geschichtsschreibung häufig vernachlässigtes soziokulturelles Verhältnis, in dem die Afrikaner nicht nur Opfer waren.(s. Atlantischer Sklavenhandel) Dieser Sachverhalt wird in jüngster Zeit unter dem durch Paul Gilroy populär gemachten Stichwort Black Atlantic verstärkt diskutiert. Trotzdem war die transatlantische Sklaverei ein System, das, wie Orlando Patterson formuliert hat, neben ihrem ökonomischen Kalkül den „sozialen Tod“ der Sklaven bezweckte. Seine Analyse macht deutlich, dass der Kern rassistischer Diskriminierung in der Zerstörung der sozialen und kulturellen Identität derer liegt, die ihr unterworfen werden. Schätzungen über die Anzahl der Betroffenen schwanken zwischen 11 Mio. und 15 Mio. Die wichtigsten Betreiber dieser Gewinn und Entmenschlichung verbindenden Politik waren im 18. Jahrhundert nach von Albert Wirz wiedergegebenen Zahlen: „1. England mit einem Anteil von 41,3%, 2. Portugal (29,3%), 3. Frankreich (19,2%), 4. Holland (5,7%), 5. Brit. Nordamerika/USA (3,2%), 6. Dänemark (1,2%), 7. Schweden und Brandenburg (0,1%).“ Weiße Vorherrschaft→ Siehe auch: White Supremacy Das System der White Supremacy nahm in Amerika unterschiedliche Formen an, die jeweils Weißsein[63] als zentrale Norm der Teilhabe an politischen Rechten und sozialen Entfaltungsmöglichkeiten setzten. In Brasilien schlug sie sich unter anderem in der Politik des branqueamento nieder, mit der die „weißen“ Brasilianer die „brasilianische Rasse“ verbessern und durch Zumischung von mit Hilfe von europäischen Einwanderern importierten „weißen Blutes“ das „schwarze Element“ in der brasilianischen Bevölkerung bis zum Jahre 2012 zum Verschwinden bringen wollten. In den USA kam sie nicht nur in der Politik der Rassentrennung zum Ausdruck, sondern äußerte sich auch als Verdacht ungenügender „Weißheit“ gegenüber verschiedenen europäischen Einwanderergruppen, die nur, wie Karen Brodkin für die Juden und Noel Ignatiev für die Iren beschrieben haben, in langwierigen und schmerzhaften Prozessen „weiß werden“ konnten. In beiden Fällen zeigte sich besonders deutlich, was in der Rassismusdiskussion die „soziale Konstruktion“ von Rasse genannt wird. Wo irische und afrikanische Amerikaner in den USA zunächst in nachbarschaftlichen Verhältnissen gut miteinander auskamen und die Vorurteile ihnen gegenüber häufiger sogar davon ausgingen, dass der „Southern Cuffee seems of a higher social grade than Northern Paddy“, mussten sie ihre „Weiße“ in einem rassistischen Qualifikationsprozess, das heißt durch ebenso gewalttätige wie gehässige Absetzbewegungen von ihren ehemaligen Leidensgenossen, überhaupt erst erringen. Wo die Zuweisung von Hautfarben sich mit sozialem Erfolg änderte (wie es in Brasilien bis heute der Fall ist), konnte jemand im Verlauf seines Lebens ohne Hauttransplantation in unterschiedliche Farbklassen eingeordnet werden und demonstrierte damit, dass Rasse in der Wahrnehmung von Rassisten keine feste und natürliche Eigenschaft des Körpers, sondern eine ihnen zugeschriebene soziale Qualität ist. ImperialismusIm Zeitalter des Imperialismus betrachteten und verhielten sich die Europäer nach Victor Kiernans gleichnamigen Buch [64] oft als „the lords of human kind“. An der Aufteilung der Welt beteiligten sich alle Stände, vom freigelassenen Sträfling bis zum bäuerlichen Siedler, vom bürgerlichen Wissenschaftler bis zum Missionar, vom adligen Offizier bis zum König. Eines der brutalsten Regime ließ Leopold von Belgien im Kongo errichten. In Australien führte der Rassismus der Arbeiterbewegung zur exklusiven „weißen“ Staatsgründung. In Ostasien fiel das europäische Vorbild auf fruchtbaren Boden und ließ sich Japan als Hoffnung der nicht-weißen Rassen präsentieren, in den USA wurde die Ideologie des „manifest destiny“ auf imperiale Politik übertragen und als Zivilisationsmission ausgegeben. Theoretisch begleitet wurde diese Politik von der Theorie der Lebensunfähigkeit der primitiven Rassen. Nach der sozialdarwinistischen Doktrin waren sie dem Kampf ums Dasein nicht gewachsen und zum Untergang verurteilt. Viele Europäer waren überzeugt, dass die Welt binnen kurzem nur noch von ihnen bevölkert sein würde. Belgische Kolonialherrschaft im KongoDie belgischen Verbrechen im Kongo („Kongogräuel“) spielten sich unter den Augen der gesamten so genannten Zivilisation ab. Sie dienten der Ausplünderung eines riesigen Gebietes und der privaten Aneignung der mit Kautschuk, Elfenbein und Palmöl erzielten Gewinne. Die einheimische Bevölkerung wurde mit Terror zur Zwangsarbeit gepresst. Unmenschliche Arbeitsbedingungen und gewalttätige Willkür forderten eine immense Zahl an Opfern. Die Politik der Entmenschlichung wurde mit der Behauptung legitimiert, dass die Afrikaner, wenn nicht halbe Tiere, so doch völlig kulturlose Wesen wären, die mit Gewalt zur Arbeit gezwungen werden müssten. Der britische Journalist und Abenteurer Henry Morton Stanley lobte in diesem Zusammenhang das Maschinengewehr als Werkzeug der Zivilisation. In Joseph Conrads Erzählung Herz der Finsternis fordert Kurtz als Protagonist imperialistischer Politik: „Exterminate all the brutes.“ „White Australia“Bis zur Bildung eines einheitlichen australischen Staates am 1. Januar 1901 unterstanden die einzelnen Kolonien direkt dem britischen Kolonialministerium. Große Teile der kolonialen Eliten hatten sich in dieser Situation eingerichtet und wollten sie nicht ändern. Entscheidende Unterstützung erhielten die Föderalisten von der australischen Arbeiterbewegung. Mit der Forderung „Australia for the white man“ plädierte sie für ein geeintes Australien, das stark genug sein würde, sich gegen fremde Einflüsse zu verteidigen und vor allem in der Lage sein sollte, nichtweiße Arbeiter des Landes zu verweisen. Da die Aborigines schon seit längerem als aussterbende Rasse galten, richtete sich diese Politik vor allem gegen die „Kulis“ und „Kanaken“ genannte Kontraktarbeiter aus China und dem pazifischen Raum. Ihre Bereitschaft, für geringen Lohn zu arbeiten, wurde auf ihre rassische Minderwertigkeit zurückgeführt, und sie wurden beschuldigt, Australien mit Krankheiten und Lastern zu überziehen. „The total exclusion of undesirable alien races“ stand als Ziel im Wahlprogramm der Labor Party. Der radikalreformerische Journalist und Agitator William Lane schrieb unter der Schlagzeile „Australia for the Australians“: „It is a true racial struggle that is going on today in Australia and Australia itself is the prize.“ Yamato-Rasse in JapanDie Modernisierung der Meiji-Zeit führte in Japan auch zur Entwicklung imperialistischer Ambitionen, die unter anderem im chinesisch-japanischen Krieg und im russisch-japanischen Krieg umgesetzt wurden. Unter der Parole „Asien den Asiaten!“ bediente man sich dabei einerseits einer ideologischen Umkehrung des europäisch-amerikanischen Stereotyps von der „Gelben Gefahr“ und warnte die asiatische Staatengemeinschaft vor der „weißen Gefahr“. Andererseits wurde die eigene aggressive und expansionistische Kolonialpolitik mit rassistischem Paternalismus legitimiert. Danach sollte sich die asiatische Bevölkerung aus den „fünf Rassen“ der Japaner, Chinesen, Koreaner, Mandschu und Mongolen zusammensetzen, von denen die japanische „Yamato-Rasse“ am weitesten entwickelt und am fortschrittlichsten und deswegen berufen wäre, die anderen zu erleuchten, kulturell und moralisch zu vervollkommnen und vor allem zu führen. Bis heute werden - so Jared Diamond - in Japan Untersuchungen, nach denen mit gewisser Wahrscheinlichkeit die Japaner selber hauptsächlich von koreanischen Einwanderern abstammen, nicht ohne Widerstände zur Kenntnis genommen. Als die westlichen Siegermächte nach dem Ersten Weltkrieg den von Japan bei den Friedensverhandlungen von Versailles eingebrachten Vorschlag einer Erklärung zur Gleichberechtigung der Rassen zurückwiesen, verstärkte dieses seine imperialistischen Anstrengungen im pazifischen Raum. Die sich zuspitzenden Widersprüche zwischen den japanischen und den Ambitionen Englands und der USA führte schließlich zu der als „Rassenkrieg“ geführten militärischen Auseinandersetzung, die John Dower, Gerald Horne und andere beschrieben haben. Historisch gesehen gab es in Japan stets eine Diskriminierung der Buraku. Noch heute werden viele Menschen der Minderheit der Buraku in Japan diskriminiert. Obwohl sie sich weder in Religion, Sitten, noch im Aussehen wirklich von anderen Japanern unterscheiden galten sie als eigene Rasse. Sie wurden teilweise sogar als Hinin (非人, „Nicht-Menschen“) bezeichnet. Sie mussten in bestimmten Ortschaften leben, ihre Kinder durften keine normalen Schulen besuchen und sie durften nur als unrein betrachtete Berufe, wie Totengräber, ausüben. 1871 wurden die Buraku den anderen Japanern rechtlich gleichgestellt. Noch heute haben die Buraku mit Diskriminierung zu kämpfen. Da auch der Familienname Auskunft über die Herkunft geben kann, ist es den Nachfahren der Burakumin seit einigen Jahren erlaubt, ihren Namen zu ändern. Osmanisches ReichAls der junge türkische Nationalstaat im 20. Jahrhundert eine eigene nationale Identität aufzubauen versuchte, wurden die „türkische Geschichtsthese“ und die „Sonnensprachtheorie“ entwickelt. Sie besagten, dass die die Hochkulturen in Vorderasien auf die frühe Einwanderung turkstämmiger Gruppen zurückzuführen sei und dass alle Sprachen vom Türkischen abstammten. 1915–1917 wurden die seit Jahrtausenden in Ost-Anatolien siedelnden Armenier im Osmanischen Reich Opfer eines Genozids. DeutschlandWeimarer RepublikIn der Weimarer Republik war neben der antisemitischen Propaganda auch die Agitation gegen die Besetzung des Rheinlandes nicht nur in den Kampfblättern der extrem rechten Parteien bzw. politischen Gruppierungen von "rassistischer Begleitmusik" durchzogen. Anlass boten hier besonders die teilweise aus Afrika stammenden französischen Besatzungstruppen. Die in dieser Zeitspanne geborenen Kinder einiger schwarzer Soldaten und deutscher Frauen wurden zum Teil als "Gefahr für die deutsche Rassenreinheit" instrumentalisiert. Die betroffenen Kinder wurden als so genannte „Rheinlandbastarde“ später von den NS-Behörden erfasst und vielfach zwangssterilisiert. Nationalsozialismus
Rassismus war ein Teil der Ideologie des Nationalsozialismus. Man ging davon aus, dass es höherwertige und minderwertige Menschenrassen gebe. Danach ließe sich die gesamte Menschheit in drei Rassengruppen einteilen:
Juden, aber auch Sinti und Roma, wurden der semitischen Rasse zugerechnet (vgl. hierzu Nürnberger Rassengesetze). Hochwertige Menschen konnten dabei nur aus der ersten Gruppe stammen. Die Mitglieder jeder Rasse hätten die Aufgabe, diese Rasse „rein zu halten“, weshalb sexueller Kontakt zwischen Angehörigen der „hohen“ und der „minderwertigen“ Rasse verhindert werden sollte. Bestimmten, von den Nationalsozialisten als „Rasse“ definierten Gruppen wie Juden oder Zigeunern (Gruppe 3) unterstellten sie, dass diese „die Herrenrasse (Gruppe 1) zersetzen“ wollten und daher zum Schutze der „Volksgemeinschaft“ vernichtet werden müssten. Die theoretischen pseudo-wissenschaftlichen Grundlagen lieferten neben Adolf Hitler selbst (Mein Kampf) primär die NS-Ideologen Alfred Rosenberg und Hans F. K. Günther in zahlreichen Publikationen. Allerdings ist dabei zu bemerken, dass ihre Gedanken auf älteren rassistischen Theorien aufbauten, und der Rassismus bis 1933 in ganz Europa relativ stark verbreitet war. Unter den zahlreichen Rassetheoretikern des 19. und frühen 20. Jahrhunderts hatten der Franzose Arthur de Gobineau (1816–1882) und der Brite Houston Stewart Chamberlain (1855–1927) den stärksten Einfluss auf die nationalsozialistische Rassenideologie. Hitler, der Chamberlain 1923 traf, galt als großer Bewunderer seines Werks. Die Opfer des NS-Rassismus wurden verfolgt, zwangssterilisiert, deportiert und ermordet. Die gesamte Gesundheitsvorsorge, Sozialpolitik sowie die Bevölkerungspolitik wurden unter „rassischen“ Gesichtspunkten gleichgeschaltet, die auch die Zulässigkeit von Eheschließungen bestimmten. Zu diesem Programm gehörten auch Ahnenpässe. Der aufgrund dieser Ahnenpässe zu führende Ariernachweis bzw. der „Große Ariernachweis“ war Bedingung für eine Karriere bei der SS. Ohne die Zusammenarbeit von NS-Stellen und Kirchengemeinden, deren Eintragungen zu Geburten in Kirchenbüchern herangezogen wurden, wäre diese Arbeit nicht zu bewältigen gewesen. Der NS-Rassismus beschränkte sich nicht auf Menschen, sondern richtete sich auch gegen Kulturgüter. Beispielsweise wurde Jazz als „Negermusik“ diffamiert und verworfen, und Werke missliebiger Künstler galten als entartete Kunst. Bundesrepublik DeutschlandIn den 1990-er Jahren kam es in der Bundesrepublik Deutschland, vermehrt in den Neuen Bundesländern, zu rassistisch motivierten Pogromen und Anschlägen. Die aufsehenerregendsten waren der Brandanschlag von Mölln, der Mordanschlag von Solingen, die Ausschreitungen von Rostock-Lichtenhagen, die Ausländerjagd in Guben, die Mordanschläge auf Amadeu Antonio Kiowa und Samuel Yeboah, die Magdeburger Himmelfahrtskrawalle, und das Pogrom von Hoyerswerda. Viele dieser Ausschreitungen und Morde wurden von Jugendlichen oder jungen Erwachsenen verübt, die der sogenannten Naziskin- oder Neonaziszene zuzurechnen sind. Auch Sachbeschädigungen, die sich zum Beispiel gegen jüdische Friedhöfe richten oder als rassistische Graffiti sichtbar werden, waren keine Ausnahme. [65] Laut einem Bericht der Bundeszentrale für Politische Bildung über rassistische Vorurteile, geschrieben von Werner Bergmann, gab es von 1990 bis 2003 mehr als 100 Todesopfer rechter Gewalt in Deutschland. Im Bericht wird erwähnt, dass in der Vergangenheit der Europarat und die Vereinten Nationen mehrmals Kritik am Vorgehen der deutschen Polizei an Ausländern geübt hätten. Einem Bericht der Europäischen Kommission gegen Rassismus und Intoleranz (ECRI) von 2003 zufolge sind „S |